Am letzten Wochenende reisten wir nach Heidesheim, wo wir auf die 2. Mannschaft des Zweitbundesligavereins der Schachfreunde Heidesheim trafen. Wie schon im vorherigen Spiel gegen Turm Lahnstein, so hatten wir auch in dieser Partie nichts zu verschenken, waren die Abstiegsplätze in unserer Liga doch in greifbarer Nähe. Den Sfr. Heidesheim ging es jedoch genauso, und so entwickelte sich ein spannender Mannschaftskampf.
Wir traten gegen folgende Gegner an:
Brett 1: Andre gegen Förster (2173)
Brett 2: Jochen gegen Beck (2101)
Brett 3: Jaroslaw gegen Faldum (2117)
Brett 4: Daniel gegen Enzmann (2060)
Brett 5: Matthias gegen Siegismund (2103)
Brett 6: Jonas gegen Jurkic (2055)
Brett 7: Gerhard gegen Richter (1883)
Brett 8: Dieter gegen Plaumann (2036)
Auf dem Papier also eine recht ausgeglichene Geschichte. Vorne gewinnen, hinten punkten ? Wir werden sehen. Die Partien nahmen ihren Lauf.
Zuerst fiel eine Entscheidung an Brett 3: Jaroslaw wählte gegen die sizilianische Drachen-Variante seines Gegners den Maroczy-Aufbau mit weißen Bauern auf e4, c4 und b3. Der Gegner gewann Raum am Damenflügel und konnte mit dem a-Bauern einen Minoritätsangriff gegen b3 starten. Beide Gegner behielten das Gleichgewicht und die Übersicht, es wurden diverse Leicht- und Schwerfiguren getauscht und ein remis vereinbart. 0,5:0,5
An Brett 4 bekam es Daniel mit der Colle-Zukertort-Eröffnung zu tun und wählte mit dem Königsflügel-Fianchetto einen Aufbau, in welchem er nicht viel Erfahrung mitbrachte und infolgedessen viel Zeit auf der Uhr verbrauchte. Durch vorteilhaften Abtausch konnte Daniel dem Gegner schließlich Fragen stellen, entschied sich dann jedoch dazu, einen Bauern zurückzuschlagen und mit nur noch 20 Minuten für über 20 zu absolvierende 20 Züge remis anzubieten, was der Gegner annahm. 1:1
An Brett 2 stand Jochen gegen geschlossenes Sizilianisch nach der Eröffnung sehr angenehm. Leider übersah er jedoch eine mehrzügige Kombination, wodurch nach einem Läuferangriff auf seine Dame diese nur Felder zur Verfügung hatte, worauf sie zu ziehen eine Qualität kostete. Die Qualität ging verloren und damit auch die Partie 1:2
An Brett 1 eroberte Andre zunächst das Läuferpaar des Gegners und hatte dadurch objektiven Vorteil. Diesen konnte er jedoch am Brett nicht verwerten. Erst wurde zuerst ein Läufer getauscht und dann der zweite, wodurch ein Turmendspiel entstand. Nachdem der Gegner einen Turmtausch forcieren konnte, war das faire Ergebnis remis nicht fern. 1,5:2,5
An Brett 5 lief Matthias leider in eine vorbereitete Variante und forcierte in ausgeglichener Stellung einen Bauerngewinn, was jedoch zu großer Aktivität der gegnerischen Figuren führte. Diese Aktivität gewann schließlich in Verbindung mit einer Mattdrohung eine Figur und Matthias gab auf 1,5:3,5
Jetzt mussten Siege her. Und hier kommen wir zum entscheidenden Thema des Tages: Kampfgeist. Wir standen mit dem Rücken zur Wand, griffen jedoch den Gegner an bzw. weigerten uns, umzufallen. Es begann mit einer der beiden Partien des Tages an Brett 6:
Jonas opferte als Schwarzer aus einer Holländisch-Variante heraus Material. Sicher nicht korrekt, allerdings sehr furchteinflößend, zumal der Gegner in Zeitnot kam. Es wurde wild, die Stellung drehte sich gefühlt mit jedem Halbzug. Schließlich verlor der Gegner den Faden und die Stellung. Als die Stellung für Jonas bereits gewonnen war, überschritt der Gegner die Zeit. Der Satz: „Es gibt zwei Arten von Opfern: Korrekte - und meine!“ beschreibt die Partie am besten (Zitat Jonas). So muss das! 2,5:3,5
Somit waren nur noch Gerhard und Dieter am Spielen.
Bei Gerhard sah es lange gut aus. Er landete über Trompowsky-Zugumstellung in seiner Lieblingsvariante gegen Französisch (1.d4 Sf6 2.Lg5 e6 3.Sc3 d5 4.e4 Le7 5.e5 Sfd7 6. Lxe7 Dxe7). Für Gerhard ein Spiel auf zwei Ergebnisse. Leider übersah er den Standard-Zug f5 von Schwarz. Das daraus resultierende Damenendspiel war zwar in der Zeitnot schwer zu behandeln, war jedoch laut Gerhard objektiv gewonnen. Nach längerer Rückephase hatte er jedoch mit Einbruchsfeldern für die gegnerische Dame zu kämpfen und konnte die Stellung nicht gewinnen. 3:4
Damit lag alles an Dieter. Und hier kommen wir zur zweiten Partie des Tages und einem weiteren Paradebeispiel für Kampfgeist:
Auch diese Partie hätte in französischen Gefilden landen können, diese Möglichkeit wurde jedoch abgelehnt und es entstand über die Zugfolge 1.d4 e6 2.Sf3 f5 ein Stonewall-Holländer. Die Springer wurden standardmäßig auf f3/e5 und f6/e4 postiert und weiß spielte am Damenflügel, schwarz am Königsflügel. Dieter gab den Damenflügel strategisch auf, um sich voll auf den Königsflügel und den gegnerischen Monarchen zu stürzen. Ein schwarzer Bauer auf a6 fiel und weiß kreierte einen gefährlichen Rand-Freibauern auf a6. Fritz (Gott hab ihn seelig) bewertete die Stellung im Nachhinein als +8 für weiß. Dieter schob weiter seine Bauern nach f4 und g4 vor, worauf der Gegner falsch reagierte und die Stellung kippte: Auf -10 für schwarz!! Eine 10-zügige Kombination hätte wohl zum Sieg geführt, Dieter führte jedoch in Zeitnot einen Zug zum remis aus. Es wurde lange rumlaviert, Dieter versuchte die Damen zu tauschen, wodurch ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit gleicher Bauernanzahl entstanden wäre. Wie es oft so ist, sind ungleichfarbige Läufer jedoch oft gefährlich für unsichere Könige, und da war Dieter auf der Haben-Seite: Er hatte gegen den gegnerischen König auf h2 und gegnerischen Bauern auf g3 und f2 einen schwarzen Bauern auf f3 und die Dame, die nach h3 schielte. Beim Draufschauen musste man ständig denken: Wenn schwarz nur irgendwann mal durch glückliche Umstände eine Dame-Läufer-Batterie auf h3 errichten könnte…aber alles Wunschträume, der Gegner kann ja die Damen tauschen, für seine Mannschaft das remis sichern und der Mannschaftskampf endet 3,5:4,5….Was er aber nicht tat!!! Wie beschrieben, kam es dann auch. Mit Dame auf f5 und Läufer auf e6 drohte Schwarz unabwendbar matt!!
Was ein Ende!!! 4:4
Was lernen wir daraus ? Kampfgeist gewinnt Partien. Kampfgeist gewinnt Mannschaftskämpfe. Keine Lage ist so aussichtslos, das sie nicht gewendet werden könnte und es ist erst zu Ende, wenn ein König matt ist oder der Handschlag des Gegners kommt.
Diesen Spirit nehmen wir auf und mit in die letzte Runde, wo es um nichts weniger als darum geht, den Klassenerhalt zu sichern.
(Verfasser: Daniel Kuhn)


